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"Wir müssen die Spinnweben aus dem Gebälk blasen"
Radiohead treten in Avenches auf – ein Gespräch mit Sänger Thom Yorke



Radiohead sind noch nie den üblichen Gleisen gefolgt. Das hat sich nicht geändert. Ihr Sänger Thom Yorke hat soeben sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Doch statt auf Solo-Tournee zu gehen, ist er nun wieder mit Radiohead unterwegs.

baz: Wir befinden uns in den winzigen Räumlichkeiten von XL Records, dem Plattenlabel, bei dem Ihre Solo-CD erschienen ist. Warum haben Sie sich für ein Indie-Label entschieden, nach all den Radiohead-Jahren bei EMI?
THOM YORKE: Es ist mein erstes Indie-Label, sozusagen. Man muss nur mal die grossen Korporationen anschauen. Wie viel Marmor in den Palästen steckt! Wer bezahlt das – jetzt, wo sie immer weniger CDs verkaufen? Die Struktur der grossen Firmen mit ihren teuren Büros und dem teuren Kaderpersonal stimmt irgendwie nicht mehr. Für mich machen Indie-Labels Sinn. XL deswegen, weil es das wichtigste Indie-Label ist. Es hat ein paar erstaunliche Künstler hier – die White Stripes, The Prodigy und Dezee. Ich musste mich entscheiden zwischen XL und Domino. Ich sagte mir: Domino, die haben eh schon alle Hände voll zu tun mit den Arctic Monkeys.

Ihre Antipathien gegen das Big Business sind bekannt. Haben Sie sich nie überlegt, selber ein Label zu starten?
Das haben wir tatsächlich. Es ist eine Frage der Energie. Jede Ablenkung stört den Focus auf die Musik und birgt die Gefahr, dass das passiert, was den Beatles mit Apple passiert ist. Ausserdem war es uns bei EMI lange sehr wohl. Beim EMI-Unter-Label Parlophone, wo wir unter Vertrag waren, sah es am Anfang genau so aus wie hier. Winzige Büros, Chaos – und die Atmosphäre war ungemein inspirierend. Es gibt auch jetzt noch viele Leute bei EMI, die wir ungemein schätzen. Es ist eine komische Situation. Wir schätzen die Leute, aber nicht die Struktur. In dem Sinn haben wir es durchaus noch nicht ausgeschlossen, den Vertrag mit der Firma zu verlängern.

Sie sprechen von Ablenkung – gerade haben Sie sich eine Ablenkung von den offenbar sehr schmerzvollen Geburtswehen fürs nächste Radiohead-Album gegönnt – ein Soloalbum. Warum?
Nach unserem letzten Album «Hall to The Thief», brauchten wir alle eine Pause. Und ich sagte sofort: Jetzt will ich allein was machen. Den Traum hatte ich schon lang gehegt. Und ich habe das Gefühl, die anderen seien richtig erleichtert, dass ich diesen Floh endlich aus meinem System arbeiten konnte. Nach der «Hall to The Thief»-Tournee hatten wir alle ein sehr komisches Gefühl. Wir brauchten Luft. Lange Zeit hatte keiner von uns mehr richtig über die Gründe darüber nachgedacht, warum wir taten, was wir taten.

In den Häusern der Bandmitglieder sollen kurze Zeit später eine ganze Reihe Babys eingetroffen sein?
Es war geradezu eine Babyflut! Aber wenn man mal aus einer Routine ausgestiegen ist, wird das Leben anders. Man muss hart an sich arbeiten, um sich einen Ruck zu geben, wiederum aus diesem anderen Leben hinauszutreten. Eines Tages steht man auf und es fällt einem wie Schuppen von den Augen – nein, nein, nein, nein! Nicht DIES will ich machen, sondern DAS! Deswegen haben wir beschlossen, diesen Sommer auf Tournee zu gehen. Wir müssen die Spinnweben aus dem Gebälk blasen. Und wir wollen neue Songs testen, von September bis Ende Jahr nehmen wir definitiv das neue Album auf.

Ist das Soloalbum aus dem Bedürfnis heraus entstanden, herauszufinden, was entsteht, wenn die Ideen allein aus Ihrem Kopf kommen?
Absolut! Genau so war es. Ich musste wissen, was herauskommt, wenn ich für jeden Ton selber verantwortlich bin, statt das Privileg zu geniessen, die Ideen anderer Leute herumschieben zu dürfen. Ausserdem wollte ich sehen, was passiert, wenn ich gezwungen werde, spontan zu arbeiten, Blitzentschlüsse fallen zu müssen und zu improvisieren.

Es ist ein sehr individualistisches Album, das in keine Schublade passt. Trotzdem ist es gleich nach dem Erscheinen in den offiziellen amerikanischen Pop-Charts des Billboard-Magazine auf Platz zwei gelandet. Wie war das Gefühl, als Sie das erfahren haben?
Das war grossartig! Echt, ich muss gestehen, da war ich richtig stolz. Total glücklich, dass jemand meine Arbeit schätzte.

> Radiohead treten am Dienstag. 15. August am «Rock Oz’ Arénes» in Avenches auf. Das Konzert ist ausverkauft.
[TRANSLATION]
“We need to go and check the cobwebs out”
Radiohead are performing at Avenches – a talk with singer Thom Yorke
by Hanspeter Kuenzler


Radiohead always grew against the grain. This hasn’t changed. Their singer Thom Yorke has just released his first solo album. But instead of going on a solo tour, he’s on the road with Radiohead again.

baz: We’re here in the tiny premises of XL Records, the record label that your Solo CD was released on. Why did you decide for an Indie label after all those Radiohead-years with EMI?
THOM YORKE: It’s sort of my first Indie label. You just have to see the big corporations. There’s so much marble in those palaces! Who’s paying for this, now that they’re selling less and less CDs? The structure of the big companies with their expensive offices and expensive staff doesn’t make sense any more, somehow. The Indie labels make sense to me. XL because they’re the most important Indie label. It’s got some amazing artists – the White Stripes, The Prodigy and Dezee. I had to decide between XL and Domino. I told myself: Domino already have their hands full with the Arctic Monkeys.

Your antipathies for the Big Business are known. Did you never consider starting your own label?
Yes, we have actually. It’s a matter of energy. Every distraction makes the focus on the music suffer, and there’s a danger of what happened to the Beatles with Apple happening. Also, we felt pretty comfortable at EMI for a long time. At the EMI sub-label, Parlophone, where we were signed, things looked much like this. Tiny offices, mayhem, and the environment was incredibly inspiring. There are still lots of people at EMI who we really, really trust. We value the people but not the structure. In that sense, we’re not at all ruling out an extension of the contract with EMI.

You speak of distractions – you’ve just treated yourself to a distraction from the evidently very painful birth pangs of the next Radiohead album with a solo album. Why?
We all needed a break after out last album, “Hail To The Thief”. The first thing I said was: I want to do something on my own. I’d been nurturing the dream for ages. And I have the feeling, that the others were very relieved that I’d gotten this bug out of my system. After the “Hail To The Thief” tour everyone had a weird feeling. We needed some air. For a long time, none of us had genuinely questioned why we were doing what we were doing.

A whole lot of babies were said to have appeared shortly in the homes of band members?
There was a baby-boom at the time! But life changes when you step out of routine. You have to work hard on yourself, give yourself a shove and pull yourself out of this other life. And one day you get up and it’s as clear as daylight – no no no no! I don’t want to do this, I want to do THIS. We need to go and check the cobwebs out. We wanted to test new songs and between September and the end of the year we’ll definitely record the new album.

Did the solo album sprout from the desire to find out what would happen when the ideas came solely out of your head?
Absolutely! It was exactly like that. I had to know what would happen if I was responsible for every note, rather than enjoy the privilege of shifting around other people’s ideas. Furthermore, I wanted to see what would happen were I forced to work spontaneously, to think on the spot and to improvise.

It’s a very individualistic album that cannot be pigeonholed. Still, just after the release it landed at number two in the official American Billboard Charts. What was it like, when you found out?
That was brilliant! Really, I have to say that I was really proud. Very, very happy that someone valued my work.

Radiohead perform on Tuesday, August 15 at the “Rock Oz’ Arénes” in Avenches. The concert is sold out.