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Wer hätte gedacht, dass aus einer Schülercombo aus dem englischen Oxford, die 1991 ihr erstes Demo unter dem Namen On A Friday einspielten, eine Band werden würde, die die postmoderne Musikgeschichte revolutioniert? Am wenigsten wohl die Musiker selbst. Sie machten einfach Musik, die ihnen ein Ventil für ihre Stimmungen und Probleme bot. Dass Radiohead zu einer derart einflussreichen Band wurden, kam für die Mitglieder selbst am überraschendsten und überforderte sie. "We hope that you choke" sang Thom Yorke 1997 in Exit Music (For A Film) auf dem Durchbruchalbum OK Computer, das weltweit mit überschwänglichen Kritiken zur Musikbibel der neunziger Jahre auserkoren wurde und einen Personality-Hype um den in sich gekehrten Frontmann auslöste. Auf einmal standen Radiohead im Rampenlicht, jeder wollte sie sprechen, jeder wollte sie treffen. Die DVD Meeting People Is Easy dokumentierte dies in schamlos direkter und beeindruckender visueller Form.

In der Folge zogen sich die introvertierten Musiker noch mehr zurück und veröffentlichten mit Kid A und Amnesiac zwei Alben, die sich mit ihrer sperrigen Elektronik und totalen Verstörtheit vom breiten Massengeschmack noch weiter entfernten. Trotz und gerade aufgrund der abnormal wirkenden Arrangements wurde Kid A zu einem stilistisch schwer zu definierenden Meisterwerk. Das aus denselben Aufnahmesessions stammende Amnesiac festigte den Ausnahmestatus der Band. Zwei Jahre später erblickte mit Hail To The Thief das sechste Radiohead-Album im Mai letzten Jahres das Licht der Welt. Und erneut reagierte das Quintett in verblüffender Manier auf seine Umwelt, diesmal auf das, was sich seit dem 11.September 2001 auf der Welt abgespielt hatte. Thom Yorke hatte vor den Aufnahmen viel Radio beim Autofahren gehört und sich alle Wörter notiert, die ihm im Gedächtnis hängen blieben. Die Folge waren dunkle Texte, die sich mit den katastrophalen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen beschäftigen, ohne jedoch in reinen Protestsongs zu münden. Die Musik hingegen wirkte dank stark differierender und insgesamt melodischerer Song-Kompositionen wieder organischer und lebendiger als in den Jahren zuvor. Die Reaktionen waren abermals euphorisch. Die Vorab-Tour zum Album in Großbritannien war innerhalb weniger Stunden komplett ausverkauft. In Europa jedoch traten sie nur auf einer Handvoll Festivals auf und gaben ein paar vereinzelte Shows im Süden. Umso größer war die Freude, als die Band im August bekanntgab, für drei Konzerte im November nach Deutschland zu kommen.

10. November 2003, Auftakt zur Europatournee in Oberhausen. Radiohead spielen ein solides zweistündiges Set ohne große Überraschungen. Der Schwerpunkt liegt auf dem neuen Album. Die Stimmung ist gut, aber nicht überragend. Band und Publikum müssen zueinander finden, fünf Wochen sind seit dem Ende der Amerika-Tour vergangen. Als neuer Bestandteil der Show sind Mini-Kameras auf der Bühne installiert worden, die links und rechts neben der Bühne über kleine Monitore immer wieder beeindruckende Nahaufnahmen der Bandmitglieder liefern.

Nächster Stopp auf deutschem Boden ist Berlin. Der Ort, an dem Radiohead zuletzt am 11.September 2001 auftraten und mit ihren bedrückenden Songs einen ergreifenden Soundtrack zu diesem schwarzen Tag ablieferten. Und auch diesmal wird Berlin zum Pflaster für eine Galavorstellung der fünf Briten. Die Atmosphäre im Saal ist von Beginn an aufgewühlt, eine intensive Spannung liegt in der Luft. Die Zuschauer erleben im Velodrom eine ausgelassene, gut aufgelegte Band, die in ungewohnt hohem Maß mit dem Publikum kommuniziert und sich in einen faszinierenden Rausch spielt. The Gloaming wird von Thom Yorke mit zahlreichen "Bush...Out"-Rufen eingeleitet, Airbag, die erste Zugabe, wird nach 20 Sekunden mit dem Kommentar "We just can`t fucking play it!" abgebrochen (stattdessen gibt es eine sehr emotionale Version von Wolf At The Door zu hören) - diese Momentaufnahmen verstärken erneut den Gedanken, an etwas Besonderem teilzuhaben. Nach 24 Songs ist Schluss. Band und Publikum feiern sich gegenseitig. Indessen mache ich mich auf den Weg in die Katakomben der Arena. Gitarrist Ed O` Brien steht unmittelbar nach dem Konzert zum Interview bereit. "Natürlich erinnert einen Berlin an diesen Tag, aber es gibt auch viele andere Dinge im Leben, die einen an den 11. September erinnern... Bei mir sind diese Gedanken jedoch recht schnell verschwunden, und ich habe den Spaziergang im Tiergarten genossen", mit diesen Worten beschreibt er seine Gefühle bei der Ankunft in Berlin am 12. November.

Von Nachdenklichkeit und Niedergeschlagenheit keine Spur, aber wie hat sich denn das Geschehen vom 11.September auf das Songwriting ausgewirkt, lautet die nächste Frage, die sich bei einer (politischen) Band wie Radiohead förmlich aufdrängt. "Die Albumtexte wurden zwei Monate nach 9/11 geschrieben. Sie beziehen sich zwar nicht direkt auf dieses Ereignis, aber offensichtlich ist ein Großteil der Inhalte `Thom and nothing but the outside world` - also bezogen auf Politik und das, was auf der Welt abläuft. Und der Versuch, einen Sinn darin zu erkennen. Als Vorkommnis hat dieser Tag keinen speziellen Song entstehen lassen, aber als Teil einer Kette von Ereignissen auf der Welt hat der 9/11 definitiv das Songwriting beeinflusst." Entstanden sind düstere Lyrics, die zum Hail To TheThief-Untertitel The Gloaming führten und Radiohead einmal mehr als eine Band zeigen, die äußerst sensibel auf ihr Umfeld und das alltägliche Leben reagiert.

Das Verarbeiten von äußeren Einflüssen in einer intellektuellen, künstlerisch anspruchsvollen Form scheint ihr höchstes Anliegen zu sein. Umso paradoxer erscheint es dabei, dass sich die Band im Gegensatz zu ihrer melancholischen Natur und der weltpolitischen Entwicklung neuerdings offener und lebensfroher denn je präsentiert. "Die Texte entstehen immer, wenn sich Thom von einem Ereignis leiten lässt, also wenn er sich in eine bestimmte Stimmung versetzt fühlt, aber wir haben jetzt keine besonders dunklen Songs geschrieben. Wir haben früher furchtbar dunkle Songs in einer sehr düsteren Art und Weise gemacht. Ich denke, dass es viel `schlagkräftiger` ist, fröhliche Songs mit Spaß abzuliefern. Das ist es auch, was die Band mehr und mehr prägt und sie auch relaxter macht", erklärt Ed und fügt hinzu: "Ich meine, auf der einen Seite leben wir in einer Welt, die immer beschissener und verwirrender wird, aber andererseits wird unser persönliches Leben und das innerhalb der Band besser. Wir sind uns jetzt bewusster in dem, was wir tun, genießen die glückliche Situation, in der wir uns befinden. Das ist eine wunderbare Sache, was aber nicht ausschließen soll, dass wir weiterhin dunkle Texte schreiben."

Wenn man sich die Jagdszenen aus der Meeting People Is Easy-DVD vor Augen hält, wundert es nicht, dass Ed O`Brien zugibt, froh zu sein, die OK Computer-Phase schadlos überstanden zu haben. "Es ist schwierig, diesen Prozess weg vom Traurigsein hin zu einer positiveren Grundeinstellung zu beschreiben. Wir sind alle schon recht melancholische Menschen, was auch irgendwo diese Band ausmacht. Das bleibt auch so, dieses Gefühl geht nicht verloren. Man ist immer noch traurig, aber man findet einen Weg, den Dingen etwas Positives abzugewinnen, zeitweise glücklich zu sein. Es ist wie eine Art Lehrstunde: Man fängt an zu verstehen, was um einen herum vorgeht, und manchmal erkennt man einen Sinn darin", bilanziert er. Eine neue, verhaltene Zuversicht hat Einzug gehalten, doch wie steht es um die gemeinsame Zukunft der Band Radiohead?
Gemeinsam durch dick und dünn. Seit 1982 spielen Radiohead in der gleichen festen Besetzung zusammen. Die Musiker bilden eine verblüffende Einheit, ergänzen sich gegenseitig perfekt. Und das, obwohl es eigentlich an ein Wunder grenzt, dass die Band, statt an der enormen Fokussierung auf ihren schüchternen Frontmann Thom Yorke zu zerbrechen, nur noch weiter zusammengerückt ist. Beweis dafür, dass der kreative Output von Radiohead das Lebenswerk von fünf einzigartigen Charakteren ist. Kaum vorstellbar, was wäre, wenn einer von ihnen fehlen würde..."Es ist sehr hart, wenn nicht jeder aus der Band da ist. Es fühlt sich nicht vollständig an", räumt Ed O`Brien direkt ein, als ich ihn mit der Frage konfrontiere, was geschehen würde, wenn ein Bandmitglied der Band den Rücken kehren würde. "Ich habe von Leuten gehört, die ausgestiegen sind, dass ihr Fehlen auf der Bühne spürbar ist. Außerdem ist es auch noch die Frage, ob die anderen überhaupt würden weiterspielen wollen, wenn es nicht mehr das vollständige Line-Up wäre. Also, ich persönlich würde nicht weitermachen wollen, wenn einer fehlt. Es ist jeder von uns: One For All, All For One", erläutert er und bestätigt die Vermutung, dass diese fünf Individuen über die Jahre zu einer fest eingeschworenen Einheit zusammengewachsen sind. "Don`t fuck with the line-up. If anybody is gone, don`t fix."

Eine logische Philosophie. Nur so ist es wohl zu erklären, dass sich die Musiker stetig weiterentwickelt und seit OK Computer mit jedem Album neu erfunden haben. Mit der Eingespieltheit kam das Zutrauen und die Selbstsicherheit, neue Wege zu gehen. Dass sich das neue Album Hail To The Thief anhört, als hätten Radiohead das Beste aus OK Computer, Kid A und Amnesiac auf einem Album vereint, ist dabei eher Zufall als beabsichtigt. Und trotzdem hatten die einzelnen Schaffensphasen einen direkten Einfluss auf Hail To The Thief, wie Ed zu berichten weiß: "Das ist natürlich einfach, zu sagen, wir haben das Beste aus diesen Phasen genommen... In Wirklichkeit war es so, dass wir während der Tour zu Kid A und Amnesiac unsere Liebe zum Live-Spielen wieder gefunden haben. Ganz im Gegensatz zum Ende der OK Computer-Zeit, wo wir uns wie eine globale Jukebox gefühlt haben. Als wir dann mit Kid A und Amnesiac auf Tour gingen, hatten wir zum ersten Mal die Songs nicht vorher live geprobt. Wir kannten sie nur aus dem Studio. Also mussten wir lernen, wie wir diese Songs auf Tour umsetzen. Das zu tun und die neue Technik der Songs live zu integrieren, hat unsere Leidenschaft für das Live-Spielen wieder geweckt. Das ganze war eine Herausforderung, echt harte Arbeit, damit das alles funktioniert. Trotz der guten Alben wollten wir dieses Stadium innerhalb der Band verlassen und allen zeigen: `We can do this shit live`. Wir können es live spielen! Alles, was auf der neuen Platte ist, ist darauf ausgerichtet, live gespielt zu werden. Alles ist auch echt eingespielt. Vieles der beiden vorherigen Alben war trotz harter Arbeit nicht wirklich live-tauglich, die programmierten Songs waren wahrscheinlich die besten Stücke auf diesen Alben."

Das klingt in der Tat nach einem harten Stück Arbeit: Weg von futuristischen Elektro-Frickeleien hin zu einem natürlicheren "Live"-Sound. Da muss doch die Erleichterung nach den Aufnahmen größer denn je gewesen sein. "Während wir das Album aufgenommen haben, dachte ich, es wird das Beste, das wir je gemacht haben. Nachdem wir es dann aufgenommen hatten, dachte ich, es ist das schwächste Album. Ich denke immer, dass das letzte Album, was wir gemacht haben, das schlechteste ist... Das liegt wahrscheinlich daran, dass man irgendwann immer etwas gelangweilt ist von seinen eigenen Alben. Bei der neuen Platte finde ich, dass sie etwas zu lang ist", antwortet Ed und zeigt sich kritisch. Denn Zufriedenheit bedeutet Stillstand. Und vielleicht birgt diese Aussage auch ein Indiz dafür, warum die Band ihren größten Hit Creep kaum noch live spielt. "Wir rotieren die Setlist, damit es für uns nicht langweilig wird. Wir haben Creep das letzte Mal vor ein paar Wochen in New York gespielt, und wir werden es auch bald wieder in Europa spielen. Aber heute Abend waren mit In Limbo und Dollars & Cents zwei Songs dabei, die wir schon seit einer Weile nicht mehr live gespielt haben. Das ist einfach der Vorteil, wenn man sechs Alben hat, auf die man zurückgreifen kann. Es ist sehr wichtig, etwas Abwechslung in die Konzerte zu bringen," erläutert der Gitarrist, und versucht gleichzeitig, von Creep abzulenken. Verständlich, schließlich verfolgt das Stück die Band nun schon seit nahezu einem Jahrzehnt.

Stellt sich abschließend noch die Frage, wie Ed die Zukunft von Radiohead sieht. "Ich habe keine Erwartungen. Lasst uns einfach machen, wir versuchen immer, das Beste aus uns fünf rauszuholen. Wir haben das Glück, viele Erfahrungen machen zu können, weil wir das machen dürfen, was wir wollen. Das ist das Beste: So zu klingen, wie man will. Das ist ein Luxus, der nicht vielen Bands eingeräumt wird. Unser Management und die Plattenfirma haben uns immer die Freiheit und die Unterstützung gegeben, das zu machen, was wir wollen", antwortet er einerseits dankbar, anderseits kryptisch wie je und eh. Selbst die Richtung, in die es als nächstes gehen soll, scheint unklar. Angedacht ist indes vieles: Ein Hail To The Thief-Remixalbum, eine B-Seitensammlung, eine weitere DVD, auch die Aufnahmen zu einem neuen Album sollen bald wieder beginnen. Nach der Sommertournee 2004 brechen sie garantiert wieder in unbekannte Galaxien auf. Living in a fantasy world.