Das Büro der Plattenfirma XL Recordings, in dem das Interview mit Thom Yorke stattfindet, liegt einen Steinwurf von der Portobello Road entfernt und ist so wuselig und unüberschaubar, wie man sich die Räume einer Independent-Plattenfirma vorstellt. Allerdings werden hier Weltstars wie Jack White, The XX und eine gewisse Adele betreut. Und eben Thom Yorke, Kopf von Radiohead – die Band gilt Kritikern als eine der einflussreichsten Bands der Gegenwart. Yorke wirkt an diesem Tag, einige Wochen vor der Veröffentlichung seines neuen Soloalbums Anima, gestresst und unnahbar, sein Bart ist von grauen Haaren durchzogen. Für den scheuen Exzentriker sind Interviews eine Qual, deshalb gewährt er sie nur selten. Seine Mimik macht deutlich, wie überflüssig er sie findet.
ZEITmagazin: Mr. Yorke, Sie wenden sich auf Twitter sehr aktiv gegen den Brexit. Was, glauben Sie, können Sie damit erreichen?
Thom Yorke: Ich tue das nur zurzeit, weil es eben notwendig geworden ist. So wie viele andere versuche ich zu verstehen, was gerade in diesem Land geschieht, warum man hier den Beschluss gefasst hat, sich eine Pistole an den Kopf zu halten. Warum drohen wir, wenn wir gar nichts haben, womit wir drohen könnten? Warum werden ständig Einhörner versprochen, wo gar keine Einhörner sind?
ZEITmagazin: Sie meinen: Es werden Märchen verbreitet?
Yorke: Genau. Wenn ich also Texte lese, die mir helfen, so manches zu verstehen, dann teile ich die auf Twitter. Ich mache mir Sorgen und versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen. Ich fürchte, dass Boris Johnson an die Macht kommen könnte. Er ist eine Schande, ein Narzisst wie Trump.
ZEITmagazin: Gibt es in Ihrem Freundeskreis Brexit-Befürworter?
Yorke: Nein, keinen einzigen. Der blinde Hass und die Angst der Brexit-Befürworter haben letztlich nichts mit Politik zu tun. Daheim in Oxford gehe ich auf die Straße und höre sechs verschiedene Sprachen, was mich wirklich glücklich macht. Die Universität ist ein Zentrum des Lernens und Forschens, und das sind genau die Bereiche, die sich nach dem Brexit auflösen werden. Denn Forschung basiert darauf, Informationen zu teilen. Ich habe direkt nach der Brexit-Abstimmung einen Tory-Abgeordneten im Radio wortwörtlich sagen hören: "Wir haben genug eigene schlaue Leute." Ich war sprachlos.
ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt, Sie gehörten zu "der Generation, die aufgegeben hat". Wie meinen Sie das?
Yorke: Darüber habe ich neulich mit meinem Sohn gesprochen, der 18 ist und Politik studiert. Ich habe ihm erklärt, was schiefgegangen ist. Ich kannte früher so viele Leute in meinem Alter, die nicht wählen gingen. Meine Generation dachte: Was soll das nutzen? Wir ändern ohnehin nichts. Und ich antwortete denen: Vielleicht wird alles noch viel unangenehmer, wenn ihr euch nicht einbringt. Und da sind wir nun.
ZEITmagazin: Gehen Sie wählen?
Yorke: Selbstverständlich. Nichtwähler machen alles nur noch viel schlimmer. Aber das ist eben genau das Drama meiner Generation: dass vergessen wurde, wie wichtig Wählen ist.
ZEITmagazin: Macht Ihr Sohn Ihnen Vorwürfe?
Yorke: Nein, diese Generation funktioniert anders. Die sind weder aggressiv, noch klagen sie an. Stattdessen sind sie viel aktiver, als wir das je waren. Die "Fridays for Future"-Klimaproteste sind ein wunderbares Beispiel dafür. Dass es die überhaupt gibt, ist in diesen finsteren Zeiten ein Hoffnungsschimmer. Meine Tochter und mein Sohn gehören zu einer Generation, die viel engagierter ist, das finde ich gut: Übrigens, Dad, wir gehen demonstrieren. – Okay, macht mal. Wenn meine Kinder demonstrierend durch die Stadt marschieren, bin ich sehr stolz.
ZEITmagazin: Haben Sie Ihre Kinder politisch erzogen?
Yorke: Das war nicht nötig, denn die sind in einer Umgebung aufgewachsen, in der sich das alles eben so ergab.
ZEITmagazin: Sind Sie mal mit ihnen gemeinsam demonstrieren gegangen?
Yorke: Als es um den Krieg im Irak ging, waren wir zusammen auf der Straße.
ZEITmagazin: Und wann waren Sie zuletzt demonstrieren?
Yorke: Ich war bei einem der großen Brexit-Märsche in London dabei, was fantastisch war. Wir waren Hunderttausende, eine schockierend große Menschenmenge. Die Stimmung war einfach fabelhaft, weil man das Gefühl hatte, die Stadt zu übernehmen. Und dennoch ist danach nichts geschehen, und irgendwann verflüchtigt sich dann auch die letzte Euphorie. Es ist seltsam dieser Tage.
ZEITmagazin: Haben Ihre Eltern Sie politisch erzogen?
Yorke: Ich bin in der Thatcher-Ära aufgewachsen, da wurden alle jungen Menschen automatisch politisiert. Als Student nahm ich zum ersten Mal an einer Demonstration teil. Ich war 19, und es ging um die Erhöhung der Studiengebühren, wir waren ziemlich viele. Thatcher war zum Zeitpunkt der Demonstration im Parlament, und der Demonstrationszug sollte an der Westminster Bridge enden, nicht weit vom Parlament entfernt, was Thatcher aber nicht gefiel, wie ich später herausfand. Also gab sie der Polizei den Befehl, die Demonstranten auseinanderzutreiben. Ich war dort mit Stanley Donwood ...
ZEITmagazin: ... dem Künstler, der für Radiohead alle Designs entwirft ...
Yorke: ... und wir waren mittendrin, als die Lage wirklich brenzlig wurde, da uns die Polizisten auf der Brücke einkesselten und alle Ausgänge blockiert hatten. Dann drängten sie uns zusammen und hofften auf eine Eskalation, sie suchten einfach einen Grund, um auf uns losgehen zu dürfen. So drückten sie die Demonstrierenden zusammen. Schließlich fielen die Polizisten zu Pferde über uns her.
ZEITmagazin: Klingt beängstigend.
Yorke: Das war es! Und es hat mein Leben verändert, weil ich verstand, dass die Leute auf der anderen Seite der Brücke kein Interesse daran hatten, überhaupt mit uns zu kommunizieren. Damit nicht genug: Sie hatten sogar Spaß daran, Gewalt gegen uns einzusetzen. Eine erschütternde Erkenntnis. Auf dieser Brücke hatte ich wirklich Angst. Wenn ein berittener Polizist auf dich zukommt, ist das einfach furchteinflößend. Ich bin schnell in Deckung gegangen, drängte mich an eine Wand und hatte Glück, dass ich unversehrt blieb. Andere waren nicht schnell genug. Ich sah dann zu, dass ich irgendwie unbeschadet wegkam. Dieses Erlebnis hat mein Verhältnis zur Staatsmacht nachhaltig geprägt. Weil ich mich immer wieder kritisch äußere, werde ich garantiert nie für einen dieser Ritterorden wie den Order of the British Empire empfohlen.
ZEITmagazin: Und wenn Ihnen doch ein Orden angeboten würde, den die Queen auf Vorschlag der Regierung verleiht?
Yorke: Dann werde ich denen natürlich sagen, dass sie sich zum Teufel scheren sollen. Wie könnte ich mich von einem Land ehren lassen, das so mit seinen Bürgern umspringt? Natürlich liebe ich Großbritannien, aber ich finde es beschämend, wie hier mit der Bevölkerung umgesprungen wird.
ZEITmagazin: Haben diese Erlebnisse auch Ihren Blick auf Musik und Kunst verändert?
Yorke: Nein, nicht wirklich. Ich war allerdings überrascht, dass alles, was ich mir so über die Staatsmacht ausgemalt hatte, real war. Das war dann doch eine schockierende Erkenntnis.
ZEITmagazin: Stimmt es, dass Sie bereits in der Schule in Oxford ständig Ärger hatten?
Yorke: Ich war eben ein wütendes Kind, was wohl daran lag, dass ich überempfindlich bin und entsprechend reagiere, wenn mir etwas nicht passt. Ich fand es von klein auf schwierig, nach den Regeln des Systems zu spielen, was vermutlich mein Hauptproblem war. Ich bin noch nie gut darin gewesen, Regeln zu befolgen.